
Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
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Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Eidechsenstraße 19 - 26133 Oldenburg - info@yeziden.de
Oldenburg, 20.02.2005
Erklärung zur Negativ-Kampagne gegen die Yeziden
Zu den Berichten im ZDF-Frontal21 und in der kurdischen Wochenzeitung Peyama Kurd
Im politischen Magazins Frontal21 vom ZDF wurde am 15.02.2005 eine Reportage unter dem Titel: Zum Heiraten gezwungen – Yezidische Glaubensriten in Deutschland ausgestrahlt. Der Fernsehbericht wurde in die kurdische Sprache übersetzt und am 18.02.2005 in der kurdischen Wochenzeitung Peyama Kurd (Bonn) mit kurzen, einführenden Worten veröffentlicht.
ZDF und Peyama Kurd beziehen sich auf den Fall einer jungen yezidischen Frau aus Celle, die sich mit einem Moslem verheiratet hat.
Das Vokabular und die Methode des Berichtes: Einzelfälle werden unter Verdrehung von Tatsachen zur gezielten Diffamierung der Yeziden und vor allem der yezidischen Religion benutzt. Die Yeziden werden als eine gewaltbereite Gruppe dargestellt, die Vertreter einer archaischen Gesellschaft sind und mittelalterliche Denkweisen pflegen.
Der Bericht enthält keine ernsthaften Hintergrundinformationen und überwiegend Unwahrheiten über die yezidische Religion, die in Deutschland kaum bekannt ist. Darum gehen wir im Folgenden etwas ausführlicher auf einige Aspekte des Yezidentums ein und nehmen zu den in den Berichten aufgeworfenen Punkten Stellung :
Yezidentum und das Verständnis von Gott
In dem Bericht wird erklärt: „Sie [die Yeziden] glauben nicht an einen Gott, sondern an Engel. Ihre Religion ist mehr als 1000 Jahre alt […].“ Diese falsche Aussage bezichtigt die Yeziden als Gottlose. Dabei ist die yezidische Religion eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2.000 Jahre vor Christus in die Zeit des Mithraismus zurückreichen.
Nach yezidischer Vorstellung kann neben Gott keine zweite Kraft existieren, die ohne seine Fürsprache etwas Böses verrichtet. Deshalb existiert auch nicht die Gestalt des Bösen. Dies vorausgeschickt steht die im Bericht getroffene Aussage im fundamentalen Widerspruch zur yezidischen Theologie. Das Yezidentum soll offenbar der Makel einer Sekte angehängt werden. Dies stellt eine Verunglimpfung der Jahrtausende alten yezidischen Religion dar und trifft die yezidische Gemeinde Mitten ins Herz. Umso schwerer wiegt diese Bezichtigung, wenn man den Umstand berücksichtigt, dass insbesondere in der islamischen Welt „Gottlose“ schwersten Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sind, was bei den Yeziden ohnehin der Fall ist.
In ihren Heimatgebieten im Vorderen Orient waren und sind die Yeziden einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Einmal ethnisch, weil sie Kurden sind, und zum anderen religiös, weil sie in den Augen fundamentalistischer Muslime als „Ungläubige“, „vom wahren Glauben Abgefallene“ gelten, die es entweder zu bekehren oder umzubringen gilt. Denn nach den Vorstellungen radikaler Muslime öffnet sich für denjenigen, der einen Ungläubigen tötet, der Weg ins Paradies.
Fanatische Muslime, die yezidische Dörfer verwüsten oder die Einwohner vertreiben, Menschen ermorden oder Frauen entführen, werden von den Behörden nicht zur Verantwortung gezogen, sei es, weil es in ein politisches Konzept passt oder sei es, weil die Vertreter des Staats ebenfalls Muslime sind, welche die Ansichten – wenn auch nicht die Taten – der Radikalen teilen. In ihren Heimatgebieten können Yeziden nur öffentlich in Erscheinung treten, wenn sie ihre Identität verleugnen. Der mangelnde staatliche Schutz führte dazu, dass besonders in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Yeziden, insbesondere Yeziden aus der Türkei, in Massen nach Deutschland flüchteten.
Heirat bei den Yeziden und Frauenrechte
Im Bericht heißt es weiter: „Die Frauen sind rechtlos. Schon als junge Mädchen werden sie Neffen oder Cousins zugesprochen.“
Diese Aussage ist eine infame Verdrehung der Tatsachen. Die yezidische Religion enthält keine Elemente, die eine Benachteiligung oder Diskriminierung der Frau rechtfertigen können. Auch im täglichen Leben ist die Frau nicht zurückgesetzt. Bei der älteren Generation herrscht das traditionelle Rollenverständnis vor. Die jüngere Generation unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht mehr vom gesellschaftlichen Umfeld.
In der Religion gibt es keine Inhalte, aus denen sich eine von den Eltern vorbestimmte Eheschließung herleiten lässt. In der Zeremonie der Eheschließung soll vielmehr dreimal das Einverständnis der Partner abgefragt werden. Die Zwangsehe ist kein spezifisches Problem der Yeziden, sondern ein Problem der Herkunftsregion. Dort ist die Tradition verbreitet, innerhalb der Familienverbände zu heiraten, so wie es in früheren Zeiten und teilweise bis heute in bestimmten Schichten der europäischen Bevölkerung üblich war und ist. Von dieser wenig hilfreichen Tradition haben sich die Yeziden weitgehend gelöst. Der Zwang gegenüber den eigenen Kindern steht im Gegensatz zu den Grundsätzen, die gerade wir als Menschen schätzen, die oft selbst noch Unterdrückung erfahren haben. Es wird auch gesehen, dass gerade dieser Zwang Anlass sein kann, sich vom yezidischen Glauben abzuwenden.
Der yezidischen Religion fehlt die aggressive Komponente des Bekehrens mit Feuer und Schwert, wie sie aus anderen Religionen bekannt ist. Es handelt sich also bei der Heiratsregel nicht um irgendeine Überheblichkeit oder gar rassistische Hybris, sondern um einen historisch entstandenen Schutzmechanismus, der in der Verfolgungssituation den Zusammenhalt und die Solidarität stärkte. Deshalb ist diese Regel in der Gemeinschaft stark verankert. Sie ist aber keineswegs etwa die religiöse Kernaussage.
In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass der in einem vom Papst Johannes Paul II. gebilligten Richtlinienpapier der Vatikan die Katholiken eindringlich gewarnt hat, Ehen mit Moslmes zu schließen (Rheinische Post vom 15.05.2004).
Yezidentum - Integration und das Verhältnis zur Moderne
Zu diesem Aspekt wird im Beitrag resümiert: „Nur selten gestatten die Yeziden Einblick in ihre geschlossene Welt. […] Sie leben heute zurückgezogen in ihrer Parallelgesellschaft. Im Straßenbild fallen sie kaum auf.“
Wir praktizieren keineswegs eine Geheimreligion, wie in dem Artikel suggeriert wird. Wir mussten vielmehr in der Vergangenheit aufgrund der Verfolgung die Religion häufig im Geheimen ausüben. Wir kapseln uns nicht ab, sondern fühlen uns als Mitglieder der deutschen Gesellschaft, zu der wir auch rein persönlich weitreichende Bezüge haben. Der emotionale Bezug zu den Herkunfts- bzw. Verfolgungsländern ist begreiflicherweise gering. Unsere junge Generation, die zunehmend die deutsche Staatsbürgerschaft erwirbt, was nicht einfach ist, steht dem Umfeld im Erfolg an Schulen, Hochschulen und im Beruf sicher nicht nach. Unsere Probleme diskutieren wir offen, so auch seit einigen Jahren im Internet unter www.yeziden.de.
Der Bericht stellt die yezidische Gemeinde als eine archaisch strukturierte Gesellschaft („Clans“) mit mittelalterlichen Denkweisen („überholte, 1000 Jahre alte Gesetze“) dar, die es förmlich nicht abwarten, kann den „Luxus der deutschen Gefängnisse“ kennen zu lernen . Auch das trifft nicht zu. Das Yezidentum ist tolerant, friedliebend und frei von Fanatismus. Gerade die weit fortgeschrittene Integration in Deutschland zeigt die Vereinbarkeit der Religion mit modernen Lebensweisen.
Bei der Betrachtung der Heiratsregel sollte der Aspekt nicht unbeachtet bleiben, dass u.a. dieser Umstand Yeziden abhält missionarisch tätig zu werden und Angehörige anderer Religionen zu bekehren. Einen religiösen Fanatismus, der von der Überlegenheit einer Religion ausgeht, gibt es bei uns nicht. Wir respektieren andere Religionen und grenzen uns von deren Angehörigen nicht ab. Einer unserer Grundsätze lässt sich so zusammenfassen: Ein Yezide kann ein guter Mensch sein, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Die Yeziden haben während der Zeit der Armenierverfolgung in der Türkei (1914-1917) Tausende von Christen unter Einsatz ihres eigenen Lebens vor dem sicheren Tod gerettet.
Der Vorwurf der „Parallelgesellschaft“ ist völlig unpassend. Kulturelle Eigenheit sehen wir als Chance für eine Bereicherung an. Hochkulturen haben sich stets dann entwickelt, wenn unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammentrafen und ein Klima des gegenseitigen Respektes und der Toleranz herrschte. Wenn jedoch nicht auf Augenhöhe diskutiert wird, sondern der Minderheitsgesellschaft eher die belehrende und egozentrische Sicht entgegengebracht wird, so fördert genau diese von Frontal21 und Peyama Kurd geprägte Haltung die Bildung von Parallelgesellschaften.
Verurteilung von Gewalt
Die yezidische Religion legitimiert entgegen der Berichtsaussage Gewalt in keiner Weise. Fehden zwischen Familienverbänden, die jeweils einen Anfangs-Mord oder eine Ehrverletzung rächen sollen, die dem Gegner zugeschrieben wird, sind zwischen Sizilien und dem Fernen Osten verbreitet. Einen Bezug zur yezidischen Religion gibt es nicht. Es hat Fälle von Blutrache bis in die jüngste Zeit unter Yeziden gegeben. Die übergroße Mehrheit verurteilt solche Taten. Die yezidischen Vereine haben in der Vergangenheit derartige Ereignisse scharf verurteilt und entsprechende Veröffentlichungen gemacht, in kurdischer und deutscher Sprache. Auch hier gilt, dass jeder Fall ein Fall zuviel ist. Eine entsprechende Erklärung des yezidischen Geistlichen Peshimam Hasan Kanat, als Lüge hinzustellen, ist bezeichnend für die Intention der Berichterstatter. Nur der Richtigkeit halber: Herr Peshimam Kanat verfügt bei den Yeziden über eine hohe Reputation, ist aber nicht wie im Bericht fälschlicherweise genannt wird, das Oberhaupt der Yeziden in Europa ist. Auch lediglich zur weiteren Richtigstellung sei angemerkt: Der im Bericht genannte Mordfall in Celle an eine Kurdin, wurde von ihrem moslemischen Bruder verübt, also kein Yezidenfall.
Folgen der Negativ-Kampagne
Wir gehen davon aus, dass auch andere Medien das Thema weiter aufgreifen und womöglich in gleicher Weise abhandeln werden. Die Folgen sind bereits spürbar: Yeziden berichten uns, dass sie auf Arbeitsstellen, in Schulen und in der Nachbarschaft Vorwürfen und Diskriminierungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr trauen, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Wir haben E-Mails mit Beschimpfungen und rassistischem Inhalt erhalten.
Es ist äußerst bedenklich, dass u.a. die Celler Polizei durch unbedachte Äußerungen diesen Vorurteilen weiterhin Vorschub leistet und sich an der Vergiftung der Atmosphäre beteiligt. Mehr Objektivität wäre „sachdienlicher“.
Als religiöse Minderheit, die schwersten Verfolgungen von religiösen Fanatikern ausgesetzt war und in einigen Ländern noch ist, haben wir in Deutschland eine Zeit der Religionsfreiheit erlebt, für die wir dankbar sind. Wir hatten begonnen, uns dort, wo wir stehen – an Schulen, Hochschulen, in Lehre und Beruf – der deutschen Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Nicht zuletzt die neu gegründeten yezidischen Vereine haben die Integration gefördert und Präventionsarbeit unter den Jugendlichen betrieben. Jetzt müssen wir befürchten, dass uns diese Perspektive genommen wird und wir auch in diesem Land ausgegrenzt und diskriminiert werden.
Getroffen werden aber nicht nur die rund 40 000 Yeziden. Vielmehr wird das Zerrbild der nicht integrationswilligen und bedrohlichen Ausländer in vielen Köpfen bestärkt. Ausländerfeindliche Haltungen und Bestrebungen erhalten eine Schein-Legitimation.
Fazit und Konsequenzen
In den Richtlinien des Deutschen Presserates ist unter Ziffer 10 nachzulesen: „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren." Gegen diese Regel wurde verstoßen.
Für uns ist es unverständlich, dass die Yeziden nicht zum ersten Mal im ZDF und jetzt auch in Peyama Kurd pauschal als eine Art mafiös organisierte und integrationsfeindliche Gruppe dargestellt wird. Kompetente Institutionen und Persönlichkeiten sowie schon an anderer Stelle kommunizierte Stellungnahmen von Yeziden – auch gegenüber dem ZDF – bleiben bewusst unberücksichtigt. Stattdessen werden bei der Auswahl der Gesprächspartner und Quellen gezielt die Personen ausgesucht, die der Diffamierung nützlich sind.
(1) Wir haben eine Strafanzeige gegen die Zeitung Peyama Kurd bei der Staatsanwaltschaft in Bonn wegen Verleumdung und übler Nachrede gestellt.
Die yezidische Religion ist die Ursprungsreligion der Kurden. Die Yeziden haben ihre Wurzeln trotz immer wieder massiver Islamisierungsbestrebungen nicht aufgegeben und sind somit zum lebenden Gedächtnis und Gewissen der Kurden geworden. Die Yeziden halten im Gegensatz zu den mehrheitlich moslemischen Kurden ihre Gebete in kurdischer Sprache ab. Ein trauriges Kapitel der kurdischen Geschichte ist, dass sich die Kurden an der Verfolgung der Yeziden aktiv beteiligt haben. Deswegen ist es umso erstaunlicher, dass eine kurdischsprachige Zeitung den ZDF-Fernsehbeitrag einszueins veröffentlicht - ohne eine zu erwartende Kommentierung. Peyama Kurd setzt wider besseren Wissens Unwahrheiten in Umlauf. Hier ist der Grad der Diffamierung höher einzustufen als beim ZDF. Peyama Kurd weiß sehr genau, was es bedeutet, wenn eine Religion als Gottlos bezeichnet wird. Es muss sich seiner verheerenden Folgen für die yezidische Gemeinde, insbesondere in der Heimat, bewusst gewesen sein. Ein derartig großer, einseitiger Artikel zeigt die bewusste Handlung und Haltung. Naturgemäß sind die Leser der kurdischen Zeitung überwiegend Moslems. Es bedarf nicht großer Anstrengungen, zu erschließen, welches Bild sich bei denen verfestigen wird. Der Beitrag ist Wasser auf den Mühlen fanatischer Moslems. Die Stigmatisierung der Yeziden als Gottlose ist unverantwortlich und ein böses Spiel mit dem Feuer. Hierdurch wird die Bemühung von radikalen Kräften unterstützt, die Yeziden in der kurdischen Politik und aktuell im Prozess des neuen Iraks rechtlich und gesellschaftlich auszuschließen. Auswirkungen auf die Yeziden in Deutschland sind ebenfalls vorstellbar.
Im Irak nehmen religiöse Fanatiker zunehmend die nichtislamischen Minderheiten ins Visier. Allein in den letzten vier Monaten wurden mindestens 25 Mordfälle und doppelt soviel Gewaltakte gegen Yeziden registriert. Allein, weil sie als Gottlose Ungläubige erachtet werden, was durch den Bericht unverhohlen bestätigt wird.
(2) Rechtliche Schritte gegen den ZDF, zumindest die Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung hinsichtlich einiger Aussagen werden zur Zeit geprüft.
Die moralischen und demokratischen Qualitäten einer Gesellschaft erkennt man, stets am Umgang mit ihren Minderheiten. Der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Minderheiten muss Einhalt geboten werden.
Wir bitten alle Menschen, insbesondere die politisch Verantwortlichen, demokratisch dieser für das Land insgesamt negativen Tendenz entgegenzutreten, sofern ihnen das möglich ist. Wir wünschen uns gerade jetzt und hier den anderswo häufig proklamierten „Aufstand der Anständigen“.
Gez.
Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Mitglieder der Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Yezidisches Forum e.V. (Oldenburg), Der Heilige E-ZI-DI yezidische Verein in Ostfriesland e.V. (Leer), Gemeinde der Yeziden e.V. (Bergen), Der Verein der Eziden am unteren Niederrhein e.V. (Kalkar), Yeziden-Zentrum im Ausland e.V. (Hannover), Plattform Ezidischer Celler e.V. (Celle)
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Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Eidechsenstraße 19 - 26133 Oldenburg - info@yeziden.de
Oldenburg, 20.02.2005
Erklärung zur Negativ-Kampagne gegen die Yeziden
Zu den Berichten im ZDF-Frontal21 und in der kurdischen Wochenzeitung Peyama Kurd
Im politischen Magazins Frontal21 vom ZDF wurde am 15.02.2005 eine Reportage unter dem Titel: Zum Heiraten gezwungen – Yezidische Glaubensriten in Deutschland ausgestrahlt. Der Fernsehbericht wurde in die kurdische Sprache übersetzt und am 18.02.2005 in der kurdischen Wochenzeitung Peyama Kurd (Bonn) mit kurzen, einführenden Worten veröffentlicht.
ZDF und Peyama Kurd beziehen sich auf den Fall einer jungen yezidischen Frau aus Celle, die sich mit einem Moslem verheiratet hat.
Das Vokabular und die Methode des Berichtes: Einzelfälle werden unter Verdrehung von Tatsachen zur gezielten Diffamierung der Yeziden und vor allem der yezidischen Religion benutzt. Die Yeziden werden als eine gewaltbereite Gruppe dargestellt, die Vertreter einer archaischen Gesellschaft sind und mittelalterliche Denkweisen pflegen.
Der Bericht enthält keine ernsthaften Hintergrundinformationen und überwiegend Unwahrheiten über die yezidische Religion, die in Deutschland kaum bekannt ist. Darum gehen wir im Folgenden etwas ausführlicher auf einige Aspekte des Yezidentums ein und nehmen zu den in den Berichten aufgeworfenen Punkten Stellung:
Yezidentum und das Verständnis von Gott
In dem Bericht wird erklärt: „Sie [die Yeziden] glauben nicht an einen Gott, sondern an Engel. Ihre Religion ist mehr als 1000 Jahre alt […].“ Diese falsche Aussage bezichtigt die Yeziden als Gottlose. Dabei ist die yezidische Religion eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2.000 Jahre vor Christus in die Zeit des Mithraismus zurückreichen.
Nach yezidischer Vorstellung kann neben Gott keine zweite Kraft existieren, die ohne seine Fürsprache etwas Böses verrichtet. Deshalb existiert auch nicht die Gestalt des Bösen. Dies vorausgeschickt steht die im Bericht getroffene Aussage im fundamentalen Widerspruch zur yezidischen Theologie. Das Yezidentum soll offenbar der Makel einer Sekte angehängt werden. Dies stellt eine Verunglimpfung der Jahrtausende alten yezidischen Religion dar und trifft die yezidische Gemeinde Mitten ins Herz. Umso schwerer wiegt diese Bezichtigung, wenn man den Umstand berücksichtigt, dass insbesondere in der islamischen Welt „Gottlose“ schwersten Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sind, was bei den Yeziden ohnehin der Fall ist.
In ihren Heimatgebieten im Vorderen Orient waren und sind die Yeziden einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Einmal ethnisch, weil sie Kurden sind, und zum anderen religiös, weil sie in den Augen fundamentalistischer Muslime als „Ungläubige“, „vom wahren Glauben Abgefallene“ gelten, die es entweder zu bekehren oder umzubringen gilt. Denn nach den Vorstellungen radikaler Muslime öffnet sich für denjenigen, der einen Ungläubigen tötet, der Weg ins Paradies.
Fanatische Muslime, die yezidische Dörfer verwüsten oder die Einwohner vertreiben, Menschen ermorden oder Frauen entführen, werden von den Behörden nicht zur Verantwortung gezogen, sei es, weil es in ein politisches Konzept passt oder sei es, weil die Vertreter des Staats ebenfalls Muslime sind, welche die Ansichten – wenn auch nicht die Taten – der Radikalen teilen. In ihren Heimatgebieten können Yeziden nur öffentlich in Erscheinung treten, wenn sie ihre Identität verleugnen. Der mangelnde staatliche Schutz führte dazu, dass besonders in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Yeziden, insbesondere Yeziden aus der Türkei, in Massen nach Deutschland flüchteten.
Heirat bei den Yeziden und Frauenrechte
Im Bericht heißt es weiter: „Die Frauen sind rechtlos. Schon als junge Mädchen werden sie Neffen oder Cousins zugesprochen.“
Diese Aussage ist eine infame Verdrehung der Tatsachen. Die yezidische Religion enthält keine Elemente, die eine Benachteiligung oder Diskriminierung der Frau rechtfertigen können. Auch im täglichen Leben ist die Frau nicht zurückgesetzt. Bei der älteren Generation herrscht das traditionelle Rollenverständnis vor. Die jüngere Generation unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht mehr vom gesellschaftlichen Umfeld.
In der Religion gibt es keine Inhalte, aus denen sich eine von den Eltern vorbestimmte Eheschließung herleiten lässt. In der Zeremonie der Eheschließung soll vielmehr dreimal das Einverständnis der Partner abgefragt werden. Die Zwangsehe ist kein spezifisches Problem der Yeziden, sondern ein Problem der Herkunftsregion. Dort ist die Tradition verbreitet, innerhalb der Familienverbände zu heiraten, so wie es in früheren Zeiten und teilweise bis heute in bestimmten Schichten der europäischen Bevölkerung üblich war und ist. Von dieser wenig hilfreichen Tradition haben sich die Yeziden weitgehend gelöst. Der Zwang gegenüber den eigenen Kindern steht im Gegensatz zu den Grundsätzen, die gerade wir als Menschen schätzen, die oft selbst noch Unterdrückung erfahren haben. Es wird auch gesehen, dass gerade dieser Zwang Anlass sein kann, sich vom yezidischen Glauben abzuwenden.
Der yezidischen Religion fehlt die aggressive Komponente des Bekehrens mit Feuer und Schwert, wie sie aus anderen Religionen bekannt ist. Es handelt sich also bei der Heiratsregel nicht um irgendeine Überheblichkeit oder gar rassistische Hybris, sondern um einen historisch entstandenen Schutzmechanismus, der in der Verfolgungssituation den Zusammenhalt und die Solidarität stärkte. Deshalb ist diese Regel in der Gemeinschaft stark verankert. Sie ist aber keineswegs etwa die religiöse Kernaussage.
In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass der in einem vom Papst Johannes Paul II. gebilligten Richtlinienpapier der Vatikan die Katholiken eindringlich gewarnt hat, Ehen mit Moslmes zu schließen (Rheinische Post vom 15.05.2004).
Yezidentum - Integration und das Verhältnis zur Moderne
Zu diesem Aspekt wird im Beitrag resümiert: „Nur selten gestatten die Yeziden Einblick in ihre geschlossene Welt. […] Sie leben heute zurückgezogen in ihrer Parallelgesellschaft. Im Straßenbild fallen sie kaum auf.“
Wir praktizieren keineswegs eine Geheimreligion, wie in dem Artikel suggeriert wird. Wir mussten vielmehr in der Vergangenheit aufgrund der Verfolgung die Religion häufig im Geheimen ausüben. Wir kapseln uns nicht ab, sondern fühlen uns als Mitglieder der deutschen Gesellschaft, zu der wir auch rein persönlich weitreichende Bezüge haben. Der emotionale Bezug zu den Herkunfts- bzw. Verfolgungsländern ist begreiflicherweise gering. Unsere junge Generation, die zunehmend die deutsche Staatsbürgerschaft erwirbt, was nicht einfach ist, steht dem Umfeld im Erfolg an Schulen, Hochschulen und im Beruf sicher nicht nach. Unsere Probleme diskutieren wir offen, so auch seit einigen Jahren im Internet unter www.yeziden.de.
Der Bericht stellt die yezidische Gemeinde als eine archaisch strukturierte Gesellschaft („Clans“) mit mittelalterlichen Denkweisen („überholte, 1000 Jahre alte Gesetze“) dar, die es förmlich nicht abwarten, kann den „Luxus der deutschen Gefängnisse“ kennen zu lernen . Auch das trifft nicht zu. Das Yezidentum ist tolerant, friedliebend und frei von Fanatismus. Gerade die weit fortgeschrittene Integration in Deutschland zeigt die Vereinbarkeit der Religion mit modernen Lebensweisen.
Bei der Betrachtung der Heiratsregel sollte der Aspekt nicht unbeachtet bleiben, dass u.a. dieser Umstand Yeziden abhält missionarisch tätig zu werden und Angehörige anderer Religionen zu bekehren. Einen religiösen Fanatismus, der von der Überlegenheit einer Religion ausgeht, gibt es bei uns nicht. Wir respektieren andere Religionen und grenzen uns von deren Angehörigen nicht ab. Einer unserer Grundsätze lässt sich so zusammenfassen: Ein Yezide kann ein guter Mensch sein, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Die Yeziden haben während der Zeit der Armenierverfolgung in der Türkei (1914-1917) Tausende von Christen unter Einsatz ihres eigenen Lebens vor dem sicheren Tod gerettet.
Der Vorwurf der „Parallelgesellschaft“ ist völlig unpassend. Kulturelle Eigenheit sehen wir als Chance für eine Bereicherung an. Hochkulturen haben sich stets dann entwickelt, wenn unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammentrafen und ein Klima des gegenseitigen Respektes und der Toleranz herrschte. Wenn jedoch nicht auf Augenhöhe diskutiert wird, sondern der Minderheitsgesellschaft eher die belehrende und egozentrische Sicht entgegengebracht wird, so fördert genau diese von Frontal21 und Peyama Kurd geprägte Haltung die Bildung von Parallelgesellschaften.
Verurteilung von Gewalt
Die yezidische Religion legitimiert entgegen der Berichtsaussage Gewalt in keiner Weise. Fehden zwischen Familienverbänden, die jeweils einen Anfangs-Mord oder eine Ehrverletzung rächen sollen, die dem Gegner zugeschrieben wird, sind zwischen Sizilien und dem Fernen Osten verbreitet. Einen Bezug zur yezidischen Religion gibt es nicht. Es hat Fälle von Blutrache bis in die jüngste Zeit unter Yeziden gegeben. Die übergroße Mehrheit verurteilt solche Taten. Die yezidischen Vereine haben in der Vergangenheit derartige Ereignisse scharf verurteilt und entsprechende Veröffentlichungen gemacht, in kurdischer und deutscher Sprache. Auch hier gilt, dass jeder Fall ein Fall zuviel ist. Eine entsprechende Erklärung des yezidischen Geistlichen Peshimam Hasan Kanat, als Lüge hinzustellen, ist bezeichnend für die Intention der Berichterstatter. Nur der Richtigkeit halber: Herr Peshimam Kanat verfügt bei den Yeziden über eine hohe Reputation, ist aber nicht wie im Bericht fälschlicherweise genannt wird, das Oberhaupt der Yeziden in Europa ist. Auch lediglich zur weiteren Richtigstellung sei angemerkt: Der im Bericht genannte Mordfall in Celle an eine Kurdin, wurde von ihrem moslemischen Bruder verübt, also kein Yezidenfall.
Folgen der Negativ-Kampagne
Wir gehen davon aus, dass auch andere Medien das Thema weiter aufgreifen und womöglich in gleicher Weise abhandeln werden. Die Folgen sind bereits spürbar: Yeziden berichten uns, dass sie auf Arbeitsstellen, in Schulen und in der Nachbarschaft Vorwürfen und Diskriminierungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr trauen, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Wir haben E-Mails mit Beschimpfungen und rassistischem Inhalt erhalten.
Es ist äußerst bedenklich, dass u.a. die Celler Polizei durch unbedachte Äußerungen diesen Vorurteilen weiterhin Vorschub leistet und sich an der Vergiftung der Atmosphäre beteiligt. Mehr Objektivität wäre „sachdienlicher“.
Als religiöse Minderheit, die schwersten Verfolgungen von religiösen Fanatikern ausgesetzt war und in einigen Ländern noch ist, haben wir in Deutschland eine Zeit der Religionsfreiheit erlebt, für die wir dankbar sind. Wir hatten begonnen, uns dort, wo wir stehen – an Schulen, Hochschulen, in Lehre und Beruf – der deutschen Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Nicht zuletzt die neu gegründeten yezidischen Vereine haben die Integration gefördert und Präventionsarbeit unter den Jugendlichen betrieben. Jetzt müssen wir befürchten, dass uns diese Perspektive genommen wird und wir auch in diesem Land ausgegrenzt und diskriminiert werden.
Getroffen werden aber nicht nur die rund 40 000 Yeziden. Vielmehr wird das Zerrbild der nicht integrationswilligen und bedrohlichen Ausländer in vielen Köpfen bestärkt. Ausländerfeindliche Haltungen und Bestrebungen erhalten eine Schein-Legitimation.
Fazit und Konsequenzen
In den Richtlinien des Deutschen Presserates ist unter Ziffer 10 nachzulesen: „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren." Gegen diese Regel wurde verstoßen.
Für uns ist es unverständlich, dass die Yeziden nicht zum ersten Mal im ZDF und jetzt auch in Peyama Kurd pauschal als eine Art mafiös organisierte und integrationsfeindliche Gruppe dargestellt wird. Kompetente Institutionen und Persönlichkeiten sowie schon an anderer Stelle kommunizierte Stellungnahmen von Yeziden – auch gegenüber dem ZDF – bleiben bewusst unberücksichtigt. Stattdessen werden bei der Auswahl der Gesprächspartner und Quellen gezielt die Personen ausgesucht, die der Diffamierung nützlich sind.
(1) Wir haben eine Strafanzeige gegen die Zeitung Peyama Kurd bei der Staatsanwaltschaft in Bonn wegen Verleumdung und übler Nachrede gestellt.
Die yezidische Religion ist die Ursprungsreligion der Kurden. Die Yeziden haben ihre Wurzeln trotz immer wieder massiver Islamisierungsbestrebungen nicht aufgegeben und sind somit zum lebenden Gedächtnis und Gewissen der Kurden geworden. Die Yeziden halten im Gegensatz zu den mehrheitlich moslemischen Kurden ihre Gebete in kurdischer Sprache ab. Ein trauriges Kapitel der kurdischen Geschichte ist, dass sich die Kurden an der Verfolgung der Yeziden aktiv beteiligt haben. Deswegen ist es umso erstaunlicher, dass eine kurdischsprachige Zeitung den ZDF-Fernsehbeitrag einszueins veröffentlicht - ohne eine zu erwartende Kommentierung. Peyama Kurd setzt wider besseren Wissens Unwahrheiten in Umlauf. Hier ist der Grad der Diffamierung höher einzustufen als beim ZDF. Peyama Kurd weiß sehr genau, was es bedeutet, wenn eine Religion als Gottlos bezeichnet wird. Es muss sich seiner verheerenden Folgen für die yezidische Gemeinde, insbesondere in der Heimat, bewusst gewesen sein. Ein derartig großer, einseitiger Artikel zeigt die bewusste Handlung und Haltung. Naturgemäß sind die Leser der kurdischen Zeitung überwiegend Moslems. Es bedarf nicht großer Anstrengungen, zu erschließen, welches Bild sich bei denen verfestigen wird. Der Beitrag ist Wasser auf den Mühlen fanatischer Moslems. Die Stigmatisierung der Yeziden als Gottlose ist unverantwortlich und ein böses Spiel mit dem Feuer. Hierdurch wird die Bemühung von radikalen Kräften unterstützt, die Yeziden in der kurdischen Politik und aktuell im Prozess des neuen Iraks rechtlich und gesellschaftlich auszuschließen. Auswirkungen auf die Yeziden in Deutschland sind ebenfalls vorstellbar.
Im Irak nehmen religiöse Fanatiker zunehmend die nichtislamischen Minderheiten ins Visier. Allein in den letzten vier Monaten wurden mindestens 25 Mordfälle und doppelt soviel Gewaltakte gegen Yeziden registriert. Allein, weil sie als Gottlose Ungläubige erachtet werden, was durch den Bericht unverhohlen bestätigt wird.
(2) Rechtliche Schritte gegen den ZDF, zumindest die Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung hinsichtlich einiger Aussagen werden zur Zeit geprüft.
Die moralischen und demokratischen Qualitäten einer Gesellschaft erkennt man, stets am Umgang mit ihren Minderheiten. Der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Minderheiten muss Einhalt geboten werden.
Wir bitten alle Menschen, insbesondere die politisch Verantwortlichen, demokratisch dieser für das Land insgesamt negativen Tendenz entgegenzutreten, sofern ihnen das möglich ist. Wir wünschen uns gerade jetzt und hier den anderswo häufig proklamierten „Aufstand der Anständigen“.
Gez.
Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Mitglieder der Allianz der yezidischen Vereine in Deutschland
Yezidisches Forum e.V. (Oldenburg), Der Heilige E-ZI-DI yezidische Verein in Ostfriesland e.V. (Leer), Gemeinde der Yeziden e.V. (Bergen), Der Verein der Eziden am unteren Niederrhein e.V. (Kalkar), Yeziden-Zentrum im Ausland e.V. (Hannover), Plattform Ezidischer Celler e.V. (Celle)
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